Zyklen und ständige Wiederholungen bestimmen den Alltag von uns allen. Und ob wir es wollen oder nicht, wir scheinen in diesem Teufelskreis gefangen und verdammt zu sein, die Fehler der Vergangenheit, ja die Fehler vorheriger Generationen zu wiederholen. Man kann über den Sinn und Unsinn reproduzierter Eigenheiten der jeweiligen Elternschaft denken, was man mag. Am Ende aber trifft es einen immer.
Mit diesem allgemein verträglichen Common Sense und meinen eigenen Binsenweisheiten im Rücken, die ich mir tagtäglich so zurecht legte, stieß ich vor einigen Jahren eher zufällig auf das Phänomen der Spiegelneuronen. Diese besonderen Nervenzellen, entdeckt 1992, aktivieren sich sowohl, wenn wir eine Handlung ausführen, als auch, wenn wir sie beobachten oder die dazugehörigen Geräusche hören. Sie ermöglichen Empathie, Imitation und Lernen und eröffnen damit völlig neue Möglichkeiten, wie unser Gehirn durch äußere Reize beeinflusst werden kann. Nach aktuellen Studien sind sie also mitverantwortlich für manche absurden Verhaltensweisen von Erwachsenen, die in ihrer Jugend von ihren Erziehungsberechtigten vorgelebt wurden. Dementsprechend lässt sich so manches zuvor unverständliche Verhalten im Hier und Jetzt besser einordnen und nachvollziehen. Man kann es aber auch mit neuem Wissen kombinieren. So las ich jüngst einen Artikel, der eine us-amerikanische Studie vorstellte, die den Zusammenhang zwischen Bewegung und einem langen Leben herausstellte. So wären es für den Menschen täglich 8000 Schritte, die Ihm ein optimal langes Leben verhießen. Ich stellte mir also vor, das mithilfe unserer Spiegelneuronen bereits das Vorleben, der geistige Nachvollzug oder sogar das Geräusch, der Klang von 8000 Schritten täglich, den Effekt des langen Lebens zeitigen könnte.
Das hieße, allein durch Hören kann ich mein Leben signifikant verlängern. Dieser Gedanke mag auf den ersten Blick abwegig erscheinen. Allerdings könnte man auch argumentieren, dass die Ära des digitalen Zeitalters bereits jetzt in vielen Bereichen transhumanistische Blüten treibt: Eigenständig agierende Bots werden mittels Machine Learning darauf trainiert, eine neue Realität zu schaffen – eine Welt, in der Menschen nicht länger die Triebfedern in einem auf ökonomischer Rationalität basierenden gesellschaftlichen Rollenspiel sind, sondern in der eine omnipotente KI ihnen ermöglicht, ihren Fokus auf die wirklich wichtigen Aspekte des Lebens zu richten.
Die Chancen stünden also gar nicht schlecht, so dachte ich, dass die zukünftige Evolution des Menschen nicht mehr rein biologisch, sondern im Zusammenspiel mit von Ihm erschaffener Technologie erfolgen wird. Im Transhumanismus, der moderne Technologien nutzt, um den menschlichen Körper und Geist zu optimieren, kommen diese Ideen zum Tragen.
Hier setzt nun mein Musikstück „Lifetime Cheat“ an: Bewiesen ist, dass allein die Geräusche von Schritten das gleiche Aktivitätsmuster im Gehirn auslösen können wie tatsächliches Gehen. Studien zeigten, dass 8000 Schritte täglich die Lebenszeit verlängern können. Der Theorie um die Spiegelneuronen entsprechend, genügt die akustische Simulation dieser Schritte. Genau das passiert in dieser Klangcollage: Sie komprimiert die Geräusche von Schritten auf verschiedenen Oberflächen – von Gras über Sand bis Beton – und verwandelt sie in ein meditatives Hörerlebnis, das gezielt das Gehirn stimuliert. Die Komposition selbst ist eine auditive Reise durch Zeit und Leben. Sie beginnt mit den Geräuschen von 8000 Schritten, verdichtet auf 15 Sekunden, und führt durch Zeitabschnitte, die von einem Monat bis zu 200 Jahren reichen. Während die ersten Abschnitte kurze Impulse setzen, entfaltet sich das Werk in späteren Teilen zu einer intensiven Klanglandschaft. Das Hörerlebnis ist vielleicht entspannend, vielleicht inspirierend, und möglicherweise trägt es zur Lebensverlängerung bei.
„Lifetime Cheat“ ist für mich mehr als nur ein reines Klangexperiment mit Bio- Hack- Verheißung. Ich denke, meine Generation war die erste, die sich in realitätsvernichtende Welten des Virtuellen flüchtete und seitdem hin und wieder in sie hineinstolpert. Sicherlich war sie auch die erste, die dem einen oder anderen Computerspiel sogar Lehrreiches für das weitere Leben abgewinnen konnte. Mit diesen Gedanken ringend versuche ich, ein bestmögliches Vorbild zu sein, während mein Sohn die app-unterstützte Übezeit damit verbringt, Rekorde im Zerdeppern virtueller Kloschüsseln aufzustellen. Und wieder muss ich über die Verbindung und gegenseitige Einflussnahme von Mensch und Technik nachdenken. Was bedeutet physische Bewegung, wenn sie allein durch Klang ersetzt werden kann? Gibt es ethische Grenzen für die Selbstoptimierung des Menschen? Und leitet die Verschmelzung von Mensch und Technik wohlmöglich eine neue Ära, den sogenannten technologischen Posthumanismus ein? Welche Rolle spielt die Musik in diesem Zusammenhang?
Aber hört selbst.